Dienstag, 22. Juli 2025
Der Sturz
Er war in Afghanistan im Einsatz gewesen, hatte seinem Land gedient und hatte alles getan, an der Uni und war Offizier geworden. Doch nichts hatte ihn darauf vorbereitet, was passierte an diesem Scheißtag, in Afghanistan.

Es war wie eine Jacke plötzlich falsch rum anhaben, er bekam keine Luft mehr, alles war falsch, sie waren falsch, er war falsch, alles war falsch.

Er konnte nichts mehr daran ändern, daran, was passiert war, immer wieder sah er ihr Gesicht, wenn versuchte nachts zu schlafen oder er sah seinen besten Kumpel vor sich, wenn er duschte. Nichts ging mehr, er konnte sich nicht konzentrieren, sein Bauch spielte verrückt und wenn er nichts denken wollte, kamen ihre Gesichter ungefragt in sein Gedächtnis und legten alles lahm.

Warum war er nicht gestorben? Er wusste es nicht und die Schuldgefühle wurde schlimmer und schlimmer und er konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr klar denken, nicht mehr einfach etwas genießen, er war total fertig und hatte einen Master in der Tasche, und war einer der besten Offiziere gewesen.

Was hatte er sich gedacht, was hatte er falsch gemacht, er ging die einzelnen Stationen noch mal durch, zum fünfhundersten Mal an diesem Tag, und er immer und immer wieder.

Wieso war er nicht gestorben, warum waren sie alle gestorben? Wie hatte das passieren können, seine Familie verstand ihn nicht, die militärische Führung hatte ihn entlastet; doch es änderte für ihn nichts er sah immer wieder ihr Gesicht und ihre Gesichter und lag Stunden um Stunde lang wach; und es waren noch Stunden bis zum Morgen.

In seine Heimat war er zurückgekehrt, vielmehr ein Teil von ihm ein Teil von ihm war im Hindukusch verloren irgendwie gegangen, und er bekam es nicht zurück.
Sein Vater verstand ihn nicht, und auch seine Mutter war genauso befremdet von ihm. Er fühlte sich, als wäre in der falschen Haut, es war noch schlimmer geworden, nicht besser; wieder zurück in der Zivilisation, doch es war alles noch da; und jede Nacht kamen sie und die anderen stets vorbei, ihn daran zu erinnern, dass er nicht mehr Teil ihrer Truppe war.

Er lebte noch immer, und sie waren nicht mehr, da.
Ein Tag verging, wieder eine furchtbare Nacht und wieder ein neuer Tag, wieder eine furchtbare Nacht. Er musste immer wieder auf Toilette, sein ganzer Körper hatte sich irgendwie verwandelt, und er musste nur kurz daran denken, an das was ihnen passiert und er musste schon rennen.

Die Schuld saß wie ein Stachel, der immer tiefer eindrang und mehr und mehr dabei verletzte. Er kam nicht klar und es wurde schlimmer, statt besser; im Fernsehen Moderatoren, die irgendeinen Quatsch erzählten, irgendwelche Stars und Sternchen, die Leute anhimmelten; und diejenigen die gestorben waren, für sie alle, kannte keiner.

Er trank zu viel, er nahm Medikamente und trank; und es ging kein bisschen besser. Ihr Gesicht quälte ihn jede Nacht, ihr Lächeln, ihr Gesicht, ihre Haare, ihre Haarsträhnen und ihre gute Laune, all das und viel mehr; was er an ihr bewundert hatte, so sehr. Sie war 12 Zentimeter kleiner als er, hatte eher schmale Schultern, und war auf ihrem Gebiet sehr gut gewesen.

Der Einsatz in Afghanistan, wozu war er da gewesen? Es war ein Hinterhalt gewesen, sie waren alle mehrfach durchbohrt worden. Sie hatten nicht den Hauch einer Chance gehabt. Die Angreifer hatten sie qualvoll ermordet. Für sie war das wahrscheinlich eine Verteidigungstat gewesen.

Warum, waren sie nur da gewesen? Wofür hatten sie gekämpft so weit weg von Zuhause? Er fragte sich dies immer wieder und kam zu keinem vernünftigen Schluss. Warum hatte er den Befehl gegeben und sie damit in den Tod geschickt?

Die Verantwortung war wie Mühlstein um seinen Hals und zog ihn immer mehr nach unten. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus und begab sich in die älteste Einrichtung in der BRD, für solche wie ihn. Er kam an und sah verwundete Gesichter, Menschen, denen Schlimmes passiert war; er sah eine Tafel, eine Statistik, die von ihnen handelte in gewisser Weise, von den unterschiedlichen Quellen, warum Menschen dort waren.

Sexualisierte Gewalt stand ganz oben. Danach folgten reine Gewaltverbrechen. Er wunderte sich ein wenig, über die anderen Leute, nachdem er es gelesen hatte, wusste er mehr, es war eine kleine Station, ein hübscher Hinterhof, einmal in der Woche kochte man zusammen und konnte über viele Themen reden, nur nicht das was hierher geführt hatte, das besprach einzig mit dem Professor.

Ein Bernd war ein ganz netter Typ, beide lernten sich ein wenig kennen, Bernd war Gleisführer gewesen und hatte Familie; er war relativ staatlich, dh hatte ca 10 Killogram, für eine Soldaten sicherlich 17 Killogram zu viel auf den Rippen war aber angenehmer Plauderer. Sie tranken häufig eine Tasse Tee zusammen.

Der Tee war kein Spitzentee, sondern Beuteltee, aber es gab ihn immer und jeden Nachmittag saßen sie zusammen und tranken eine Tasse Tee. Er trank eine Tasse Pfefferminztee, Bernd Kamillentee mit mindestens drei dick voll belegten Häufchen Zucker, die sich auf Löffel hochhäuften. Sie schauten gerne beide nach draußen und ließen den Blick über den Innenhof der Anlage schweifen.

Irgendwann sagte einer von beiden irgendwas, der andere bestätigte, und sie tranken ihren Tee.

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